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Ingrid Raab über das Altern

Heute sechzig zu sein, bedeutet im wesentlichen, sich selbst flotter zu finden als die anderen Sechzigjährigen.

Wenn sich morgens beim Aufwachen die Gelenke bemerkbar machen, haben sie nichts Gutes zu berichten. Aber wenn die Gelenke anderer sich unangenehm zu Wort melden,  dann geht man zur Tagesordnung über. Nicht, dass ich bösartig wäre, es ist nur so, dass das Unglück der anderen ein Pflaster auf die Ängste ist, die langsam in uns aufsteigen.

Altern ist das Schicksal, das wir alle miteinander teilen – jeder weiß es und trotzdem bleibt es abstrakt!

Erste Wehwehchen

Erst wenn man realisiert, dass der Kieferchirurg bereits mehrere Zähne implantiert hat, der  Orthopäde eine neue Hüfte vorschlägt, der Augenarzt stärkere Lesebrillen verschreibt und man bereits ein sündteures  (weil unsichtbares) Hörgerät überdenkt, spätestens dann wird einem klar, man ist angekommen.

Zum Ausgleich trägt man keine Kostüme mehr – die sind   „madamig“, sprich machen  alt – sondern Jeans oder flippige Kleider, vorausgesetzt man hat auf seine Figur geachtet. Denn man pflegt ja noch immer diese trügerische Blume der Jugend. Man muss sie vor den ersten Frosteinbrüchen schützen!

Dass man altert, das nimmt man ja noch  zähneknirschend in Kauf, aber dass es den im Laufe des Lebens vorgenommen schwachsinnigen Diäten,  Fitnessorgien und Reparaturen zu horrenden Preisen nicht gelungen ist, einen bis zum Ende der Reise zu begleiten, ist unzulässig.

Schummeln?

Heute sechzig zu sein, das ist das Alter des Schummelns als Überlebensreflex, das Sich-Selbst-Belügen eingeschlossen.

Man steht vor dem Spiegel und zieht ein wenig die Augenpartie zu den Schläfen und die Mundwinkel hoch, lächelt sein Spiegelbild an und macht einen Schmollmund. Alle Frauen ziehen die selben Grimassen.

Man ist davon überzeugt, noch mitten im Leben zu stehen, eine ganz normale Bewohnerin dieser Erde zu sein, die sich in nichts von den anderen unterscheidet. Man vergißt bisweilen, dass man sich nur von vorne sieht und von der Hälfte der anderen Informationen keine Ahnung hat.

Männer sind da etwas härter im Nehmen. Das Alter ist die Zeit der Entdeckungen!

Angekommen

Tatsache ist, wenn man überzeugend über das Alter schreiben will, muß man schon selbst angekommen sein und sollte die Jugend noch nicht gänzlich vergessen haben.  Wie sagte schon Charlie Chaplin so treffend: „Die Jugend wäre noch viel schöner, wenn sie etwas später im Leben käme!“

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