Von Tui über O Porrino, heisse Quellen in Caldas de Reis bis nach Padron

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Gruppenbildung

Gruppen bilden sich einfach. Das ist ganz natürlich. Man hat das selbe Ziel, man hat dieselbe Muttersprache, manchmal sogar die gleiche Nationalität. Gerade uns Deutschen sagt man das nach. Aber damit stehen wir nicht alleine. Italiener gesellen sich zu Italienern, Spanier bleiben auch unter sich und die Amerikaner und Briten hauen sich auch nur, bedingt ihrer derzeitigen Minderheit, auf ein „Packerl“.So entsteht aus ein, zwei Personen plötzlich eine lose Gruppe an Pilgern.

Caldas de Reis
Maria

Zu Maria und Valentin gesellt sich Stefan aus Chemnitz, Anja aus Stuttgart, ein älteres Ehepaar aus dem hohen Norden. Er ist eine echte Nummer. War schon auf jedem Jakobsweg, ist irrsinnig belesen und hat zu Allem eine eigene Story. Ich kann das hier nicht alles wiedergeben, Leute, sonst gibts noch einen Teil Nummer 100. Jedenfalls hängen wir ihm schon förmlich an den Lippen, was den älteren Herren unheimlich freut.Für das Ehepaar ist es der letze Jakobsweg. Danach ist Schluss, sagen sie. Ja ja wer‘s glaubt 😉

Ja und da bleibe ich, als kleiner Ausreißer – bin zwar im Pass Deutsch, aber in der Seele Kosmopolit. Ok. Ich gebe es zu, eher schon Österreicherin. Nach dem ich mein halbes Leben im Ausland verbracht habe, bin ich eher international.

Bekanntschaften

Man geht zwar gemeinsam aus der Herberge, doch jeder hat einen anderes Tempo und so bewegen wir uns Ziehharmonika-artig von Etappe zu Etappe. In den Herbergen gibt es dann nun ein erfreutes Wiedersehen, und man geht mal gemeinsam Abendessen, oder auf ein Bier. Auf dem Weg, trifft man sich in den gleichen Bars. Zumindest der biologische Zyklus ist bei allen derselbe. Hunger und Durst bringt uns immer wieder zusammen.

Die Strecke von Tui nach O Porrino habe ich als einer der Schöneren in Erinnerung. Vielleicht liegt es auch daran, daß die Etappen jetzt merklich kürzer werden. Der Körper wird kräftiger, ausdauernder und 17 Kilometer sind irgendwie ein Spaziergang. So trödele ich mich von Herberge zu Herberge und finde das wunderbar.

Stefans Walking Stecken

Auf manchen Strecken hat man sogar einen fixen Begleiter, so wie mit Stefan aus Chemnitz, der durchtrainiert wie sonst was, eher neben mir leichtfüssig umher tänzelt als das er geht, während ich, 30 Jahre älter, schon so manchen Schnaufer mache. Vor allem kann ich eines nicht. Bergauf und dann noch reden. Jedesmal hab ich Seitenstechen. Und ich bin eben echt nimmer die jüngste.

Mein neuer Chemnitzer Freund leiht mir bei Steigungen seine Walking Stecken und ich muss sagen, die bringen es voll. Ich beschließe mir doch noch welche zu kaufen. irgendwo auf dem Weg. Wir trinken Coke, rauchen (!) ab und an – und er lädt mich zum Kaffee ein. Wir verstehen uns prima. Eine Wellenlänge.Wenn man es so kurzweilig hat, in Gespräche vertieft, macht man allerdings auch weniger Fotos.

Ich muss mich öfters erinnern, für den lieben Leser genug Fotos zu machen.

Geheimnisse

Jeder hat so sein Päckchen am tragen auf dem Caminho. Man spricht mit mir, einer Wildfremden, viel über Familiensituationen, viel Privates und Persönliches. Mir fällt es nicht leicht hier für meine Berichte diese Gratwanderung des Berichten und Privatem im Gleichgewicht zu halten. Einige Namen habe ich verändert und ich möchtediese privaten Geschichten auch nicht alle ausplaudern. Aber über die Themen, kann man ja berichten. So hoffe ich, ich trete niemandem auf den Schlips mit meinen Geschichten. Das vorweg.

Auch ich hab mein seelisches Gepäck. Darum verstehe ich diese vielleicht Menschen so gut, in ihrer seelischen „Not“. Auch ich hatte ein angestrengtes Verhältnis zu Eltern, habe scheiss Beziehungen gehabt und fürchterliche Karriere Krisen.

Ich habe auch liebe Menschen verloren und die eine oder andere Macke abgekriegt. Aber vielleicht ist es auch das, daß man mir vieles anvertraut.

Zusammenbruch

Je mehr ich von den anderen höre, desto mehr muss ich über meine eigene Situation nachdenken. Und das ist es dann, was mich auch plötzlich niederbrechen lässt. Psychisch nicht physisch.

Ich weiss nicht ob jeder so einen Zusammen Brecher hat, aber bei mir war es dann auch so weit und ich musste einfach plärren. Saublöd kam ich mir vor. Irgendwo zwischen Tui und O Porrino hat’s mich auch erwischt. Ich hocke in einer Kapelle und schniefe vor mich hin. Nach fast einer Stunde ist es vorbei. Und wenn ich sage, vorbei dann meine ich das. Wie weggeblasen.

Ich habe meinen Feinden verziehen, Enttäuschungen abgehakt, und meine eigenen Fehler reflektiert – was bleibt ist ein warmes tröstendes Gefühl. War es das, was man mit „Gott begegnen“ meint?

Mein seelisches Gepäck steht jedenfalls in dieser kleinen Marienkapelle. Lasst es bloß stehen und macht es, um Gottes Willen, nicht auf.

Redondela und ein kleiner Ausflug ans Meer

O Porrino’s Herberge war mal wieder so unruhig, daß ich mir ein kleines Hotel in Redondela genehmige. Allerdings weit ab vom Caminho. Ich werde vom Hotelbesitzer abgeholt und er bringt mich auch am nächsten Tag wieder an die Herberge in Redondela. Von dort aus gehts lockere 18 Kilometer nach Ponte Vedra.

Ich bin wieder viel zu spät dran, und treffe meine Begleiter diesmal nicht. Schade. Haben wir uns nun für den Rest der Strecke verloren? In Ponte Vedra habe ich ein weiteres kleines Hotel gefunden. Das Ruas mitten in der Altstadt. Als ich so ein biss’l verloren (Verdammt! Man gewöhnt sich schnell an Ansprache) auf der Terrasse des Hotels sitze, stehen plötzlich Maria und Valentin vor mir. Sie sassen genau gegenüber im Restaurant und haben mich entdeckt. Ich merke, dass auch sie sich sehr freuen, mich wiedergefunden zu haben. Das tut richtig gut :-).

Mit Anja von Ponte Vedra nach Caldas de Reis

Die nächste Etappe von Ponte Vedra nach Caldas de Reis, gesellt sich Anja zu mir. Ich habe noch keine Unterkunft in Caldas, aber irgendwie ist mir das grad schnuppe. Anja hat ein Zimmer in einer Privat Herberge. Sie bietet mir an sie zu begleiten und dort eben zu schauen, ob ich nicht in ihrem Doppelzimmer unterkomme.

Anja arbeitet mit behinderten Kindern und war auch eine zeitlang in Ghana. Ja und schon haben wir ein Thema. Wer mich kennt – weiß, bei dem Thema bin ich nicht zu bremsen. Sie erzählt mir von Ghana, ich ihr von Kenia, Uganda,Zimbabwe usw. Wir reden viel über die politische Situation in Deutschland und Österreich.

Über die Eifersucht und Vertrauen

Der Rechtsruck in der Gesellschaft gefällt uns beiden überhaupt nicht und Anja hat einen Syrischen Freund, wegen dem sie von Frankfurt nach Stuttgart zog. Es ist unheimlich interessant mal mit jemanden zu sprechen, der so ganz Nah am Konflikt lebt. Wie ticken die syrischen Männer? Ist er nicht eifersüchtig, daß sie alleine geht, als Frau, hier am Caminho. Sie amüsiert das, gibt aber zu, daß es nicht leicht war, ihn zu überzeugen. Auch sie telefoniert mit ihrem Freund täglich, wie ich es tue. Ergo ist der Österreichische Mann nicht weniger besorgt als der Syrische. So what 🙂

In Caldas de Reis habe ich unglaubliches Glück. Die Herbergsmutter spricht schlecht englisch und glaubt, Anja habe das Doppelzimmer für ZWEI Frauen gebucht. Somit hab ich eine Bleibe mit einer lieben Zimmergenossin. Anja lacht und meint: „Ja man muss sich auf den Jakobsweg einlassen. Der gibt dir eh was du brauchst. Mir passiert ständig so Seltsames.“ Ich muss grinsen und meine nur: “ Anja, du bist nicht die erste die mir das sagt. Jetzt glaub ich es selbst!“

Maria die Dudelsack Spielerin

Nach einem Stadtbummel, bei dem wir auch tatsächlich die heisse Quelle finden und unsere Füsse gemeinsam mit fünf jungen Novizinnen reinhängen und Spass haben, treffen wir Maria wieder und ich gehe später, weil Anja einen wehen Fuss hat, mit ihr alleine essen. Da erfahre ich, dass die junge Dame ein galizisches Hobby hat. Sie spielt Dudelsack. Der Galizische Dudelsack heisst eigentlich Gaita. Ich bin beeindruckt.

Auch mit der galizischen Küche kennt sie sich hervorragend aus und empfiehlt mir das eine oder andere Gusto Stückchen von der Karte. Wir haben einen netten Abend doch irgendwann werde ich unruhig. Ich möchte Anja nicht wecken, wenn ich so spät komme. Außerdem ist mir plötzlich eiskalt Das Wetter dreht. Es sieht gewaltig nach Regen aus.

Wolkenbruch

Am nächsten morgen regnet es in Strömen. Mein Regencape ist irgendwo zwischen O Porrino und hier verloren gegangen. Ich habe zwar Imprägnierte Hosen und Jacke. Aber bei dem Regen bin ich in 10 Minuten nass bis auf die Unterhose.Wir bleiben also sitzen und können nichts anderes tun, als abwarten. Gegen 9:30 wird es etwas besser. gehen wir gemeinsam los, jedoch, Anja wird mir zu schnell. Ihr Fuss dürfte sich guterholt haben. Wir beschließen uns zu trennen, sehen uns ja eh wieder irgendwo in Padron.

Kaum ist sie aus meinem Sichtfeld verschwunden, fängt es wieder stärker an zu regnen. So ein Mist aber auch. Ich mache Pause in einer Bar. Und wen treffe ich da? Anja und die Polen. Ja gibts die auch noch. Anerkennende Blicke, als ich erzähle das ich das Gebirge bezwang und einige Lacher, als ich erzähle dass ich aber dann auch ein Taxi nahm und drauf gepfiffen habe.

Padron und eine Versuchung

In Padron laufe ich Dolm zur Herberge, dabei habe ich ja ein Hotel. Also mache ich mich auf die Suche danach und stelle fest, es liegt direkt am Bahnhof. Maria ist bereits eingetroffen und macht eine Besichtigungstour. Ich lehne dankend ab. Schon wieder macht die Bandscheibe mucken. Wir gehen wieder eine Kleinigkeit essen. Ich bin etwas müde und gehe bald schlafen.

Am nächsten Morgen erwartet mich eine längere Strecke. von Padron nach Santiago. Ich kann es nicht fassen. Ich habe es fast geschafft.

Im Morgenrot ziehe ich los und betrachte den Zug, der gerade vor dem Bahnhof einläuft. Ziel – Santiago de Compostela.

„Der Caminho gibt dir was du brauchst! Steig ein, das ist DIE Gelegenheit!“ flüstert mir eine innere Stimme zu.

Aber ich schüttle den Kopf und sage laut: „Der Caminho gab mir immer was ich gebraucht habe. Aber dieses letzte Geschenk schlage ich aus!“ Ich ziehe meinen Taillengurt enger und mache mich auf, auf meine letze Etappe.

„Santiago, Jakobus.. zieht Euch warm an -Röttchen kommt!“

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