Thema Sucht: Abgesoffen – Wenn Alkohol zum Problem wird

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Thema Sucht - Wenn Alkohol zum Problem wird
Thema Sucht - Wenn Alkohol zum Problem wird
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Alkohol

Er ist gesellschaftsfähig. Er gehört zum guten Ton, Er wird gern unterschätzt und er kann gefährlich werden. Der gute, alte Alkohol. In der Vergangenheit (Prohibition) sogar verboten – in anderen Kulturen verehrt – er bleibt ein zweifelhafter Freund.

Auch ich trinke gerne Wein und Bier. Gerne darf’s mal ein Schnaps sein, oder ein guter würziger Whiskey. Macht mich das schon abhängig? Manche sagen ja. Ich war in meiner “Blüte” so um die dreißig eine wilde Henne. Party Star auf jeder Fete. Aber wie auch alles Andere an Berauschendem, hat mich nichts wirklich gefesselt. Zu arg waren die  Nebenwirkungen. Der klassische Kater.
Man wird älter und weiser und trinkt die halbe Nacht viel Wasser, um am  nächsten Tag nicht den Badezimmer-Spiegel an zu kotzen.

Aber ab und an – kann ich es noch. Gerade bei Hochprozentigem habe ich schon manches Mannsbild unter  den Tisch getrunken. Mit LINKS. Liegt das an meiner DNA? Die hälfte meiner DNA stammt aus dem Osten, wo viel getrunken wurde und meine Enzyme machen einen prima Job. Ja ich verniedliche das gerade – denn im Tagesgeschäft ist für mich Alkohol kein Thema. Erst wenn ich mich entspannen mag, hole ich mir schon das eine oder andere Bierchen aus dem Kühlschrank. Man schläft gut auf Bier, finde ich.

Aber das ich zittere und mich nicht mehr konzentrieren kann? Nein soweit geht das nicht. Was ist schon dabei?

Alkohol und Sucht – ein Aufruf in Facebook

Erst, wenn man einen Aufruf in Facebook macht und sich dann ein alter Bekannter aus vergangenen IT Zeiten meldet, wird man nachdenklich.

So mir passiert. Im Zuge meiner Recherche über Alkoholsucht meldete sich Alex bei mir. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Beide in der IT Branche, immer mal wieder unter neuer Flagge, wie es üblich ist. Dann verschwand er aus der Branche und ich dachte mir jetzt auch nix dabei.

Als ich meinen Aufruf startete, erwartete ich eigentlich keine große Resonanz. Wer outet sich schon freiwillig als Alkoholiker? Das Tabu in unserer Gesellschaft ist viel zu groß. Dann kam Alex. Per Mail, und dann persönlich.

Ein Mann packt aus

Alexander P. will tatsächlich seine Geschichte erzählen. Aber ohne Outing. Darum habe ich mich mit ihm unterhalten, ohne seine wahre Identität hier preiszugeben. Es geht ihm grad wieder so gut – sein neues Berufsleben läuft. Es ist sein Ding, ob er und wann er vielleicht offiziell  selbst darüber schreibt. Jetzt im Moment tut er mir den Gefallen – und erzählt mir, wie das alles passiert ist. Ein Mann der alles verloren hat, wie er von sich sagt. Und wenn er sagt alles – dann meint er jeglichen gesellschaftlichen  Rückhalt, Ansehen, Job, seine grosse Liebe und sogar Bleibe.  Aber lest selbst.

Das Interview

Nach meinem Aufruf in Facebook trafen uns im 23.ten Wiener Gemeindebezirk in einem Kaffeehaus und  ich brauchte mal ne Weile um meinen Ex-Kollegen und späteren hartnäckigen Konkurrenten im IT Metier, weit hinten an einem Tisch im Nichtraucherbereich zu erkennen. Was mich etwas nervte, weil ich rauche gern beim Interview. Gut, dassich noch ‘ne „Tschick“ auf dem Weg dorthin geraucht hatte. Aber was tut man nicht für eine gute Geschichte.

M: Hey Alex! GUT schaust du aus! Trainierst du?

A:(Lacht) – Hallo Marion, kann ich nur retour geben.

Belangloses Blabla – wie es in Österreich so üblich ist, bevor man ans Eingemachte geht.

M: Alex, ich finde es total toll, dass du dich meinem Interview stellst. Ich kann mir vorstellen, dass dazu sehr viel Vertrauen gehört und ich stehe hier absolut im Wort, wenn ich deine echte Identität nicht preis gebe. Ich kann das gut verstehen und würde dich nur darum bitten, dass ich das Gespräch mitschneiden darf. Weil sonst vergess’ ich die Hälfte oder verdrehe was . Du kennst mich ja, ich  kann schon manchmal schön schusselig sein.

A: Oh ja… (grinst) ich erinnere mich an eine Ausschreibung, die wir gemeinsam gemacht haben. Und DU hast IM Hundert gerechnet statt vom Hundert und dann hatten wir 1.8 % MINUS! Ne ne passt schon. Schneid das mal mit.

M: Aber die Ausschreibung haben wir zumindest  gewonnen!!

Lachen gemeinsam über diese alte Episode.

M: Alex, die Leser wissen, dass wir uns aus der IT kennen. Ich hab deine LinkedIn Updates über Jahre immer mal wieder gesehen. Du bist ganz schön die Karriereleiter rauf gerast, oder?

Karriere und Geld

A: Ja das stimmt wohl. Irgendwie hatte ich auch das Glück anscheinend immer dort aufzuschlagen, wo es grad gewaltig weiter ging. vom Sales Account zum Sales Manager bis ich dann bei der “Sowieso “ in der Geschäftsleitung sass. Das war schon ne geile Zeit. Kohle ohne Ende….

M: Aber irgendwann mal warst weg vom Fenster, hab ich gemerkt. Ich schau ins LinkedIn und mir fiel auf, dein Account war weg. Was war denn da los?

A: Ja ich hab das alles löschen lassen.

M: Warum?

A: Es ist echt viel passiert, Marion. Ich war nicht mehr der Typ, da in Linked In. Ich war ein anderer und ich hatte eine echt beschissene Zeit.

M: Was ist passiert?

A: Naja. Zunächst hat mich der Job mit der Zeit fertig gemacht. Ständig diese Reisen, Überstunden die Vorlagen eines Amerikanischen Konzerns. Druck ohne Ende. Intrigen am Arbeitsplatz und ich wusste – mir fehlt da bisschen was an Ausbildung.

Grad als ich den MBA Kurs angezahlt  hab, ist mein Vater in Deutschland  gestorben. Daheim hellste Aufregung. Wir hatten eine gut gehende Kneipe  in Deutschland und jetzt war keiner mehr da, der das weiterführt, geschweige der sich auskennt mit den Büchern. Ja da hab ich mit der HR gesprochen,  interner Wechsel im Konzern, und bin dann mit Kind und Kegel nach Deutschland retour. Hat auch gut geklappt, Anfangs.

Doppelbelastung und ein Hang zum Feiern

A: Dann kam die Doppelbelastung und meine alten “Freindln”  waren natürlich auch ständig abends da. Das MBA war mal hinten angestellt, die Frau fand nicht gleich einen Job und dann wurden wir auch noch zum zweiten mal schwanger.  Echt ein Versehen.

In der Firma einen Riesendruck. Abends wegen dem Familienunternehmen, an dem die halbe Familie hing, noch beim Steuerberater. Daheim ständig “Krise” und miese Stimmung. Ich hab das teilweise nicht mehr gepackt und habe ich begonnen mit meinen Freunden bis in die Puppen zu saufen.

Ich war ständig erledigt. Und der Druck die ganze Zeit hat mich geschafft. Ich bin sozusagen abgesoffen.

M: Das klingt für mich wie nach einem BurnOut?

A: Ja, war es wohl auch. Aber noch schlimmer waren meine Sauftouren. Mein Antidepressivum, sozusagen. Ich hab irgendwo ein Ventil gebraucht, und das war der Alkohol.

M: Wie lange ist das jetzt her?

A: So ca. acht, neun  Jahre. Meine Frau war die erste die erkannt hat, dass ich diese Doppelbelastung nicht aushalten werde. Sie drängte daraufhin, das Lokal zu verpachten oder zu verkaufen.

Jetzt stand ich auch noch zwischen zwei Stühlen.

Zum einen machte mir das Lokal irrsinnigen Spaß – und meine Familie hing ja auch finanziell daran. Schwester kellnert, Cousin kocht. Wenn ich das schließe, sind die auch arbeitslos, dacht ich mir halt. Ja und die abendlichen Exzesse wurden halt immer stärker. Irgendwann machte ich Fehler im eigentlichen Job. Ja, ich muss dir nix erklären. Da kriegst nur eine Abmahnung und – dann bin ich hochkant rausgeflogen.

M: Shit! Und dann?

Lokal  und Gesundheit melden Insolvenz an

A: Naja, danach ging es ziemlich schnell bergab. Ich hab weiter gesoffen, aber nur noch einen Bruchteil der Kohle verdient, meine Frau war ja unbeschäftigt schwanger geworden und bekam auch keine Karenz. Ja und dann kam die Lea und sie is retour mit den Kindern nach Oberösterreich . Zu ihren Eltern. Über Nacht mit Sack und Pack. Ich war fix und im Arsch!

M: Ja Nun.. irgendwie aber schon verständlich, Alex, oder?

A: Natürlich verstehe ich das heute. Ja ich konnte die Kleine aus Zeitgründen kaum sehen und  selbst wenn ich Zeit gehabt hätte – war ich ehrlich gesagt zu blau um in ein Auto zu steigen und  vier Stunden hinzufahren.

Die Scheidungspapiere  kamen dann nach ca. einem halben Jahr.
Ich hatte nicht viel Ahnung vom Gastgewerbe und nach einer Weile warnte mich mein Steuerberater. Ich solle lieber aufgeben, bevor ich bankrott gehe. Aber ich war halt stur und meine Kumpels borgten mir schon Geld, nur damit die abends weiter mit mir saufen konnten, im Lokal.

Dann bekam ich eine Leberentzündung. Ich war am Ende. Das Lokal wurde zu einem Bruchteil, was es gut geführt Wert gewesen wäre, verkauft und selbst mit  meiner Sicherheit, dem Elternhaus, in dem ich da wohnte waren die Schulden grad mal so abgedeckt. Ich lag im Krankenhaus und hatte im Prinzip nicht mal mehr eine Wohnung. Keine Frau und ein Kind, das mich nicht kennt.

M: Sauber. Alex ich bin schockiert. Wie in aller Welt bist du da wieder rausgekommen?

Der Weg hinaus – Selbsterkenntnis

A: Selbsterkenntnis? Keine Ahnung. Der Arzt damals meinte, ich sei, wenn ich so weitermache, in drei Jahren tot. Da hat es irgendwie im Hirn klick gemacht. Ich hab Hilfe angenommen, bin auf Entzug, Psychotherapie und hab mit Sport begonnen. Und keinen Tropfen mehr, seither. Bin seit sechs Jahren trocken.

M: Das heisst du darfst jetzt nie wieder Alkohol trinken!

A: Genau. Jeder kleine Schluck bringt einen wieder in die Sucht. Alkoholismus  ist nicht heilbar. Man ist immer Alkoholiker – nur eben trocken. Und das ist ziemlich blöd. Ich muss in Restaurants ständig nachfragen, ob in den Speisen Alkohol verarbeitet wurde. Das stößt oft auf Unverständnis.

M: Was ist dann weiter passiert?

Ein neuer Plan

A: Ja nun, ich war arbeitslos in Bayern, lebte bei meiner Schwester und war  auch ne ziemlich lange Zeit noch krankgeschrieben. Dann habe ich von der Arbeitsagentur ein Angebot zur Umschulung bekommen. Das hab ich dann gemacht und bin heute selbstständiger Trainer.

M: Aber du arbeitest wieder  in Österreich?

A: Ja, ich bin dann wieder retour und wohne ganz in der Nähe meiner Ex-Frau, um die Mädchen so oft wie möglich zusehen.

M: Sie hat dich also nicht mehr zurückgenommen?

A: (Schaut traurig) Noch nicht. Für sie war das ein Alptraum. Ich kann das verstehen. Wir sind jetzt sehr, sehr gute Freunde mit gemeinsamem Kindern.  Es braucht alles seine Zeit.

M: Freunde mit Benefits?

A: Das geht dich nix an, du neugierige Urschl! (schaut genervt)

M: Was machst du, damit du nicht rückfällig wirst?

Tipp vom Fachmann

A: Sport, und gesundes Leben, Viele Hobbies. Weniger Stress und mehr Erfüllung im Job. Ich arbeite ehrenamtlich für die Anonymen Alkoholiker. Dort höre ich Betroffenen zu, referiere über meinen Weg raus, aus der Sucht und das hilft mir, jeden Tag  stark zu bleiben.
Man braucht ne Menge Disziplin. Vor allem am Anfang. Ich konnte, kurz nach dem Entzug  verschüttetes Bier auf 10 Meter riechen. Gläser haben mich fertig gemacht. Zuhause habe ich deshalb auch nur Wassergläser. Keine Assoziation mit Alkohol. Das geht.

M: Was passiert, wenn ich jetzt ein Bier bestellte?

A: Nichts. Ich schaue dir nur zu und habe aber keinen Drang mehr jetzt auch eines zu bestellen.

M: Ich will schließlich nicht Schuld sein, an einem Rückfall und lasse das lieber!

A: (Zur Kellnerin): Bringen Sie der Dame bitte ein Bier und mir bitte noch einen großen Braunen. Danke.

M: Du willst es mir jetzt zeigen, oder?

(Grinst und nippt am Wasserglas)

Alex, was kannst Du Menschen, die sich auf diesem zerstörerischen Weg gerade befinden, mitgeben?

Hol Dir Hilfe!

A: Schwierig. Das Problem bei der Sucht ist, du musst dir zunächst selbst eingestehen, dass du süchtig bist. Wenn es dir andere Leute sagen, stellst doch eh nur auf Stur. Aber sobald du erkennst:” Ich habe ein verdammtes Problem mit Alkohol!” dann bist du schon auf dem richtigen Kurs. Hilfe holen, ohne Scham. Hausarzt konsultieren, Informationen einholen und am besten einen Entzug machen. Dem Freundeskreis erklären, was los ist!  Danach weiterhin begleitend Unterstützung suchen und – den verständnislosen Saufkumpanen die Freundschaft kündigen. Ganz wichtig!

M: Du hast keinen Kontakt mehr?

A: Nein. Ich habe die Brücken hinter mir abgebrochen. Ich bin sogar weggezogen, denn ansonsten wäre ich vielleicht ganz schnell wieder abhängig gewesen. Zumindest Anfangs.

M: Alex – Ich danke dir für dieses offene Gespräch

A: Gerne, ich hoffe, dass es Anderen hilft gar nicht erst soweit abzurutschen. Du verlinkst eh auf die Anonymen Alkoholiker? Das ist wirklich eine gute Einrichtung.

M: Ehrensache!! Ich brauch jetzt ne Zigarette. 

A; SUCH DIR HILFE!

 

Linksammlung zu diversen Kliniken und Hilfezentren ( werden in den nächsten Tagen noch ergänzt):
Privatklinik für BurnOut und Abhängigkeiten – Bayern

API bei Wien, eines der größten Suchtkliniken Europas

Kusnacht Practice Schweiz

 

 

 

2 KOMMENTARE

  1. Ein sehr bedrückender Beitrag. Man denkt ja immer, Säufer sind alles assoziale, aber man vergisst sehr schnell, das jeder Mensch ein Schicksal hat und niemand als Alkoholiker geboren wird.

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