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Dass  Menschen einfach sterben ist, natürlich.  Als man jung war, war vielleicht die erste Begegnung mit dem Sterben, das der geliebten Großeltern. Alte Menschen sterben eben. Alt. Ja alt war für mich, mit 16, bereits jemand mit fünfzig.

Wenn sich die Reihen lichten

Friedhof AllerheiligenSpäter kommen dann ein paar ehemalige Schulkameraden dazu. Der eine hat sich tot gefixt, ein anderer sprang von der Neckarbrücke. Eine Freundin verunglückte mit dem Motorrad. Aber das waren Todesfälle, die im Zeitraum von ca. 30 Jahren passierten.

In letzter Zeit jedoch, scheinen sich die Reihen immer öfter zu lüften. Ich wurde im vergangenen Jahr fünfzig und anscheinend ist das wohl eine Zeit, in der die ersten in meinem Jahrgang beginnen, zu gehen.

Herz Kreislauf Krankheiten, aber vor allem Krebs. Sicher auch ein paar Unfälle, es häuft sich. Je älter man wird, desto häufiger erlebt man diese Hiobsbotschaften. Heute ist für mich fünfzig  noch jung, kein Alter um zu gehen.

Die heutigen 50er

Schaut man sich mal die 50er heutzutage an, sind viele auch um einiges besser drauf, als die Fünfzigjährigen, vor noch einer Generation. Wir sind fitter, wirken viel jünger und einige von uns haben auch noch so einiges vor.
Gerade noch in N.Y. und kein Jahr später, mit Bauchschmerzen im Spital und kurz darauf – tot. Noch ein lustiges langes Telefonat, vor ein paar Wochen, danach bekomme ich einen Anruf – die besagte Person wurde tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Herzversagen.

Der sportliche Freund, gerade seinen ersten Triathlon hinter sich gebracht, plant den nächsten in Neuseeland. Nichtraucher. Antialkoholiker. Blutgerinnsel – Hirnschlag tot.
Und ich habe die böse Vorahnung, dass das nicht weniger wird.

Jetzt wird es bisschen Morbid

Bin ich jetzt in dem Alter, wo man beginnt Sterbe- Matern und Todesanzeigen auszuschneiden und in Schubladen, oder am Kühlschrank zu sammeln . Oder dass man auf Beerdigungen seine restlichen Bekannten regelmäßiger trifft, als sonst unter dem Jahr? Und ist das der Beginn, in dem man gedanklich eine Stricherl Liste führt?

Ich erinnere mich an meine Großmutter. Sie hatte ein schwarzes ledernes Adressbüchlein, daß immer beim Telefon lag. Sie strich Namen und Nummern nur aus, wenn sie sich geändert hatten. Aber sie malte ein Kreuz hinter die Ziffern derer, die über den Jordan gegangen waren.

Ich sprach Sie darauf an und sie meinte: “Das ist nur, damit ich nicht versehentlich anrufe, weil ich vergessen habe, daß der, oder die ja schon gestorben sind. Langsam verliere ich die Übersicht.”
Für mich war das jedenfalls eine morbide Geschichte und ich blätterte als Kind doch ab und an in ihrem Adressbüchlein und zählte die Kreuze hinter den Nummern, die sich von Jahr zu Jahr vermehrten.

Ich frage mich, ob ich auch irgendwann solch ein Büchlein führen werde, bzw. wann der erste Softhersteller darauf kommt und man so ein Kreuz digital im Smart -Phone hinterlegen kann.

Der Friedhof – Begegnungsstätte der Lebenden

Friedhof-Besuche waren auch immer eine eher kurze Geschichte. Nach einer Stunde war ich mit meiner Familie durch. Abgesehen davon, daß viele Freunde in alle Himmelsrichtungen verzogen sind und einige an unterschiedlichen Stellen ihre letzte Ruhe fanden, würde ich heute schon weitaus länger auf einem Todesacker verweilen müssen. Und so sind auch die Kerzen, die ich als Gedenken an alle die Verstorbenen zu Allerheiligen anzünde, mehr geworden. Erst diese Woche sind wieder zwei Kerzerln hinzugekommen.

Zentralfriedhof Wien

Friedhöfe sind für mich nichts unheimliches. Im Gegenteil. Gerade die alten Wiener Friedhöfe, der legendäre Zentralfriedhof, sind wunderschön. Außerdem: Stehen hier nicht die Beweise, in Form von marmornen Gedenksteinen, edlen Gruften und überirdisch schönen Engelsfiguren, für die unsterbliche Liebe? Berührende Sprüche, Sinnige Weisheiten sind auf den alten Steinen nachzulesen. Der gelungene Versuch, all diese Verstorbenen vor der Anonymität und der Vergessenheit zu bewahren. Ich stelle mir vor, indem ich die alten Namen lese und die prächtigen Mausoleen auf den Wiener Friedhöfen bewundere, dass diese Menschen zumindest in dieser morbiden Vorstellung wieder auferstehen. In Form unserer Gedanken, Erinnerungen und Phantasie.

Sterben in Wien

Friedhof Wien Allerheiligen
Jüdischer Friedhof Wien

Das Sterben ist in Wien übrigens ein Kult. Eine Beerdigung wird meist besser geplant, als eine Hochzeit oder Taufe. Generalstabsmäßig wird getüftelt und ausgesucht. Es wird nicht gespart. Für den Wiener das es absolut wichtig. “Des woar aber a scheene Laich!” will man hören. Mehrfach. Wochen später, nein am besten Monate lang. Ich meine ok. die Hauptperson wird das nicht mehr mitbekommen. Aber die Beerdigung ist auch kein Fest für die Hauptperson. Das ist ein Fest für die Hinterbliebenen. Nirgendwo als in Wien habe ich so viele Bestattungsunternehmen gesehen. Natürlich gehäuft in der Nähe der großen Stadtfriedhöfe. Särge in allen Preisklassen. Mahagoni, Ebenholz, Deutsche Eiche? Alabaster Urne, Taj Mahal Kopie? Kein Problem. Hier wird nicht über den Preis gesprochen. Ebenso am Grabschmuck. Mausoleen, Marmorgruften, weinende Engel über gepflegten Blumenbeeten. Zumindest ein aufwändig geschmiedetes Eisenkreuz mit Emailschildchen, mit Antlitz des Verstorbenen und den Daten, in schöner Schrift, muss sein.

Abschlussparty

Sterblichkeit letztes Geleit
Das letze Geleit.

Musiker, Chöre, Redner, passende Musik vom Band wird sorgfältig vorbereitet. Viele! Sehr viele Trauergäste müssen dabei sein. Denn ein Armutszeugnis, für jenen, wenn nicht genug weinende Gäste anwesend sind. Schöne Predigen, und rührende Reden werden geschwungen. Blumenschmuck, geschmackvoll aber üppig. Zum guten Ton gehören Kränze und Gestecke mit Spruchbändern in violett, von den geladenen Gästen gespendet. Auch die Garderobe ist wichtig. Schwarz. Lang elegant Handschuhe, Taschentücher und mit Hut.

So ein Trauerzug muss auffallen. Mit andächtigem, vornehmen Schritt, wird hinter dem Sarg  oder Urne hergegangen. Und danach wird gespeist. Der Leichenschmaus. Das finde ich sozial unheimlich wichtig. Denn hier passiert Trauerarbeit. Im Gespräch über den Verstorbenen, beginnende Streitigeiten über das vermeintliche Erbe. Wo, wenn nicht dort, mit genug Alkohol und gutem Essen. Sogar gelacht darf werden über nette Anekdoten über den Verblichenen. Es ist ein prächtiges Theater. Wer das nicht erlebt hat, kann noch so lange in Wien leben. Er wird den Wiener erst dann verstehen.

Der eigene Abgang

In den nächsten 20 -30  Jahren wird auch einmal jemand eine Kerze für mich auf einer Anrichte anzünden. Hoffe ich zumindest. Ob meine Überreste jemals unter einer Granitplatte liegen werden, in einer Urne spuken, oder einfach nur mit dem Wind über die Erde fliegen und meine Asche  über den gesamten Erdball verteilen, habe ich noch nicht entschieden. Wobei mir letztere Idee am besten gefällt.

Jedenfalls hinterlässt dieses Wissen, auf der Generations-Liste unweigerlich immer weiter in Richtung Ende zu rücken, ein seltsames Gefühl in der Herzgegend.

Vielleicht ist diese Zeit, an der wir an unsere lieben Verblichenen gedenken, auch eine ganz wichtige Zeit über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Und vor allem darüber, ob man seine Zeit bisher auch wirklich gut genutzt hat.

Für mich heißt das, Dinge nicht auf die lange Bank zu schieben, die man gerne machen möchte. Jetzt tun, jetzt leben und vielleicht auch für all jene diese Dinge tun, die keine Chance mehr hatten ihre Träume zu erfüllen. Leben im jetzt und hier.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine besinnliche Allerheiligen Zeit.

Dieser Artikel erschien bereits 2016. Wegen der derzeitigen Aktualität habe ich ihn nochmals veröffentlicht.

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1 KOMMENTAR

  1. Ein sehr schöner und zeitloser Beitrag. Ich hätte nicht gemerkt, dass er schon 2 Jahre als ist. Er stimmt mich nachdenklich. Ich bin auch in einem Alter, in dem man die weitläfigerer Verwandtschaft nicht mehr auf Hochzeiten, sondern auf Beerdigungen trifft. Allerheiligen als Feiertag, gibt es in Deutschland nur in einigen Teilen, hauptsächlich im Süden. Auch wenn es dazu keine Feiertag braucht, es ist schön, dass es eine Zeit gibt, wo man deren unter uns gedenken kann ,die nicht mehr unter uns sind.
    Verspielte Grüßle, Simone

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