Wiener Gschichtn

… UND ES IST MAL WIEDER SOWEIT

Lesestoff Kurzgeschichte Vorgartenkrieg Fast über Nacht haben sich die Laubwälder des Grüngürtels um Wien bunt gefärbt und leuchten heute herrlich bei blauem Himmel und Sonnenschein. Das herbstliche Leben könnte so schön sein. Doch in den heimischen Gärten der Wiener Vororte ist der alljährliche Laub-Krieg ausgebrochen.

Wer im Sommer glücklich, stolz und dankbar über seinen alten Baumbestand ist, hat im Herbst ein Problem. Herrlich sind sie ja schon anzusehen, die majestätischen Eichen, die filigranen Birken und die knorrigen Kastanien in ihrem schönen bunten Herbstlaub. Aber das bleibt, wie jahrelange Erfahrung zeigt, ja nicht ewig da oben. Nein es fällt herab. Zunächst noch recht zögerlich schweben die ersten orangenen Blätter tanzend auf den Rasen. Doch dann, mit Abnahme der Temperatur in der Nacht vermehrt sich das rieselnde Laub auf die Dächer, in die Dachrinnen, auf die Parkplätze und die Gehsteige. Und nach dem ersten Frost scheint sich das einst so schöne, leuchtende Laub auf Kommando von seinem Wirt, dem Baum zu verabschieden. Zack runter ist die Pracht. Und das auch mal über Nacht.

Jetzt ist guter Rat teuer. Wohin mit dem vielen Laub? Sämtliche öffentliche Biotonnen sind nun voll, von der Eigenen ganz zu schweigen, und der Komposthaufen, sofern so einer in einem schönen Wiener Garten überhaupt geduldet wird. Am Land wird gern verbrannt, was da nicht mehr zu kompostieren ist. Aber hier in der Stadt?

WOHIN MIT DEM VIELEN LAUB?

Nun beginnt der kreative Geist eines manchen Wiener Gartenbesitzers auf Hochtouren zu laufen.  Also, wohin  mit dem “Schaass”?
Zunächst nutzt man die losen Blätter um die Rosenstöcke und sonstige frostempfindliche Pflanzen winterfest zu machen. Man freut sich regelrecht, wenn der 48er an einem Tag in der Woche kommt und die Massen abholt und die Biotonne wieder leer ist. An den öffentlichen Sammelstellen beginnt nun ein Wettlauf, denn wer als erster am Bio Container ist, der ist sein Laub für diese Woche auf alle Fälle los.

Auch bei uns im Haus stehen zwei kleine Biocontainer, die derzeit proppevoll sind. Da kann ich als Nicht-Gartenbesitzer mit meinen Melonen Resten, den welken Salatblättern und den Kartoffelschalen “scheissen gehen” wie es so schön derb auf wienerisch heisst. Mir ist das ziemlich wurscht, denn dann fliegt mein Bio Mist einfach in den Restmüll.
Das passt einer  ökologisch bewussten Nachbarin überhaupt nicht – ich biete ihr an, sich doch meinen biologischen Abfall rektal zu applizieren, denn SIE selbst hat doch mit ihren Gartenabfällen dafür gesorgt, daß beide Container voll bis oben sind.  Ja die Stimmung wird schon gereizter in der Vorstadt.

DER LAUBBLÄSER – Des Mannes liebstes Spielzeug

Der Nachbar gegenüber, nennen wir ihn mal Kurt reißt uns nun täglich um 7 Uhr aus den Betten. Wir brauchen keinen Wecker mehr. Denn er hat eine neue Anschaffung getätigt. Den Laubbläser. Pünktlich um Sieben Uhr startet der golfende Pensionist sein neues Gerät und bläst das Laub einfach in den Nachbargarten vom Gusti. In der Hoffnung, dass dieser es nicht merkt. Auch ein wenig davon unter die Autos die neben dem Gehsteig stehen, und auf die Straße. Soll sich doch die städtische Straßenreinigung mit dem Problem befassen.
Das tut sie tatsächlich, denn es sind schwere Regenfälle angesagt und die fleißigen 48er, wie sie in Wien eben heissen, haben die angenehme Aufgabe das faulende Laub nun aus den Gullys zu saugen, bevor der Regen das Laub aufweicht in die Kanalisation trägt, wo es zu einem zähen Klumpen mutiert, der dafür sorgen wird, daß zunächst mal das Wasser au den Straßen nicht mehr ablaufen kann und am Höhepunkt dann, das soeben Runtergespülte in unseren Toiletten mit einem satten blubb wieder retour aus der Schüssel schwappt.

Der Gusti, der nun um Acht  aus dem Haus schaut um sich sein Krone Abo vom Zaun zu holen, staunt nicht schlecht über die Laubmassen in seinem Garten. Vor allem hat er eher weniger Bäume im Garten. Denn als überzeugter Thujen  Liebhaber und Schwäche für englischen Rasen hat er nur die von der Stadt vorgegebene Anzahl von Bäumen gepflanzt und das sind genau drei. Im Vorgarten einen Ahorn, und hinter dem Haus eine Zierkirsche und einen Apfelbaum.

Für diese drei Bäume hat Gusti extra einen Laubsauger gekauft und fährt damit alle drei Stunden mit nicht weniger Lärm über den perfekt getrimmten Rasen.

AB MITTAG WIRD ZURÜCK GEBLASEN!!

Nun fliegt aber die Aktion von Kurt auf. Denn auf dem auf 80 Millimeter exakt geschnittenen Rasen liegen vor allem die Überreste deutscher Eiche und auf der anderen Seite des Garten türmt sich Birkenlaub vom anderen Nachbarn.
Das geht natürlich nicht! Jetzt wird zurückgeschlagen. Man fährt zum “Quester mein Bester” und besorgt sich ebenso einen Laubbläser.

Während ich auf meiner Dachterrasse amüsiert beobachte, wie morgens der Kurti dem Gusti das Laub in den Garten bläst, sehe ich gegen Mittag, wie der Gusti dem Kurti das Eichenlaub, inklusive dem Birkenlaub von Nachbar Nummer Drei, in den Vorgarten pustet.  Der Kurti schaut nicht schlecht, als er Abends nach erfolgreichem Golftraining seinen Vorgarten Weg nicht mehr findet vor lauter “Fremd- und Eigenlaub”.

SHOWDOWN mit Publikum

Dass das nun eskaliert war klar. Samstags kommt es zum von mir bereits sehnsüchtig erwarteten Show Down der Laubbläser-Besitzer. Während ich noch schnell ein kaltes Getränk und Popcorn hole, positionieren sich die Kontrahenten nun, mit Laubbläser bewaffnet am Gartenzaun. Zuerst wird geredet, dann gezankt, dann geschimpft und sich gegenseitig überbrüllt.

“Du ausgmachter Wappler du depperter, lass mich im Kraut mit dei’m Laub, du Hinnicher”
„Was kann I dafür wenns des Laub alleweil zu dir rüber waht du saubleds Nudelaug!”
„Wie hast du mich genannt du Rohrkrepierer?….“

Und dann geht es los, das Duell. Die Laubbläser werden angeworfen und beide versuchen das Laub in den jeweils anderen Garten zu blasen, Der ohrenbetäubende Lärm übertönt die deftigen Flüche und die Luft im Grätzl wird so staubig, dass man überall sieht, wie Fenster und Türen hastig geschlossen werden.. Ich kann die zwei Gestalten kaum noch ausmachen, vor lauter wirbelnden Pflanzenresten und verziehe mich nun doch hinter die Balkontüre.

Das Schauspiel wird nun leider  unterbrochen, denn die Damen des Hauses, kommen in den Garten gestürzt, entreißen den Göttergatten die Waffen und ziehen sie am Kragen ins Haus zurück.
Schad.

Dieser Krieg ist jedenfalls erst dann vorüber, wenn kein einziges Blatt mehr fällt, oder der erste Schnee die Blätterhaufen mit seinem leisen weißen Tuch bedeckt. Dann beginnt ein neuer Krieg, nämlich das Schneefräsen Massaker. Aber das, meine Lieben, ist eine andere Geschichte.

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